„Als ich begann, wieder an Gott zu denken“ von Peter Seewald

  • Taschenbuch: 160 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag; Auflage: 1 (1. Juni 2004)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453878795
  • ISBN-13: 978-3453878792

(Ausschnitte aus dem Buch s. u.)

Dieses Buch kann ich nur empfehlen. Ich habe mich in ganz vielen Aussagen wiedergefunden und könnte sie unterschreiben. Es ist sehr gut geschrieben und verständlich. Peter Seewald bekannt als Journalist und Autor vieler Texte über Kardinal Ratzinger und Papbst Benedikt beschreibt in diesem Buch, wie er wieder zum kath. Glauben gefunden hat. Katholisch erzogen, war er jedoch viele Jahre fernab vom Glauben und bezeichnet sich selber zu der Zeit auch als Atheist.

Viele Schlüsselerlebnisse waren dann Schritt für Schritt sein Weg wieder zurück zu dem, was ihm Halt gibt und immer wieder erstaunt. Wie er sagt: Vielleicht kommt der Glaube einfach!

Ausschnitte aus dem Buch von Peter Seewald „Als ich begann, wieder an Gott zu denken“

(kursiv geschriebene Satzteile sind von mir, damit der Zusammenhang verständlich wird)

Diese Stellen sind nur einige von denen, die ich unterschreiben könnte. Jeder Absatz ist ein Abschnitt des Buches für sich, die Absätze sind nicht zusammenhängend und in jedem habe ich einen Teil unterstrichen, der mir besonders auffiel.

Gott: der durch den eigenen Tod zu neuem Leben führen will. Paradox. Er verlangt keine Brandopfer für sich oder seinen Götterhimmel. Und Frömmigkeit alleine ist Ihm zu wenig. „Wo bist du, Gott?“ fragen seine Anhänger. Und er antwortet gelassen: “Hier bin ich.“ – „Wo bitte?“ – „Na hier, ganz einfach, hier in deinem Nächsten.“

Es heißt, Christen hätten Gott zu allen Zeiten weniger durch kluge Analysen oder dicke Bücher kennen gelernt, als dadurch, dass sie ihn persönlich erfahren haben.

Vielleicht ist Glaube, überlegte ich, etwas, das dich einfach trifft. Wie eine schöne und nicht allzu harte Welle, die aus dem Meer auf dich zukommt. Und du überlegst nicht lange, denn du siehst, dass du nur den richtigen Augenblick erwischen musst, und dann kannst du dich von dieser Welle ein gutes Stück weit tragen lassen. Du hast die Welle nicht gefragt, und sie hat dich nicht gefragt. Sie hat dich einfach mitgenommen.

Dass eine starke Moderne mehr braucht als coole Designer, beginnt sich wieder herumzusprechen. Ohne Traditionen, Regeln, Riten, Spiritualität kann die säkulare Welt nicht überleben. Und eine vollkommen entchristlichte Gesellschaft halten inzwischen auch solche Leute für barbarisch, die der Kirche fern stehen. Wenn keine Individuum sich dem anderen verbunden wisse durch den gemeinsamen Schöpfer, erklären liberale Philosophen, wenn niemand mehr daran glaube, davon rede und danach handele, was die Bergpredigt Jesu als Maxime vorgegeben habe, und wenn niemand mehr davon ausgehe, dass jedem Menschen das Heil fest zugesagt sei, dann vertrockne die humane Gesellschaft in der Tat zur Wüste das gnadenlose Lust-, Erfolgs- und Nützlichkeitsdenkens.

Seltsam, ausgerechnet in dieser Umgebung provozierte die christliche Lehre das Bewusstsein mehr als jedes andere Denken. Warum eigentlich? Lag es wirklich an der Spießigkeit dieser Religion, dass manche Leute regelrecht rot anliefen und aggressiv wurden, wenn man ein gutes Wort für die Kirche einlegte? Vielleicht war es ja gerade umgekehrt, überlegte ich. Zweifellos folgt heute die Mehrheit dem Mainstream der Kirchenkritik. Noch die bescheidenste Pressemitteilung einer x-beliebigen kirchenkritischen Initiative bekommt inzwischen zehnmal mehr Aufmerksamkeit als jede Enzyklika des Papstes. Provozierte also die Religion genau deshalb, weil nicht sie, sondern der Zeitgeist angepasst und spießig geworden war? Und sagt nicht der Glaube Dinge, die dem bequemen Denken unserer Epoche in der Tat eminent widersprechen?

Papst Johannes Paul II hat immer und immer wieder gedonnert: Contradicitur, Einspruch! Gleicht euch nicht der Welt an! Genau das sagte er, auch wenn das niemand hören wollte. … Stopp der Vergötzung von Macht, Erfolg, Geld…Stopp der Vernichtung von Gottes eigener Schöpfung, die er für uns gedacht und gebaut hat! Stopp der Selbstzerstörung des Individuums…Aber eines sagen Wojtyla und seine Leute eben deutlicher, kompromissloser und unmissverständlicher als alle anderen: Nicht nur die Würde des Menschen, sagen sie, ist unteilbar, nein, das Leben selbst ist unteilbar. Wehret allen Anfängen. Stoppt die Schaffung von Hybrid-Lebewesen, ob Mensch oder Tier, durch die wir die Verherrlichung unserer selbst so sehr ins maßlos Böse treiben, dass sie die Dimension eines zweiten Sündenfalls erreicht – mit Folgen, die katastrophaler nicht sein könnten. Die gesellschaftliche Relevanz war es, was mich am Christentum wieder interessierte. Glaube ist kein Abtauchen ins rein Private. Er hat etwas mit Kultur zu tun.

Ein Gespräch unter Freunden mit unterschiedlichen Meinungen endet mit dem Kommentar eines Freundes des Autors: „Das Grab war Voll“, schloss er mit seinem Schlag auf den Tisch. Es war eine gespenstische Diskussion auf einem erkennbar nicht sehr hohen Niveau. Ein eigenartiges Gemisch aus Wissen, Halbwissen und Unwahrheiten. Ich spürte, dass ich, wenn es tiefer ging, wenig zu sagen wusste. Meine religiöse Grundausstattung war auf das Niveau eines ABC-Schützen gesunken. „An was glaubt ihr eigentlich?“ gab ich hilflos zurück. „An eure Firma? Ans Fernsehen? An die Literaturpäpste und Popgötter?“ Mehr an Gegenwehr fiel mir nicht ein. Ich verstummte und ärgerte mich insgeheim über den Glauben, von dem ich zwar glaubte, was ich wusste, aber nicht eigentlich wusste, was ich glaubte. …bei einem Besuch in der Kirche…Und ich dachte daran, dass hier herinnen etwas ist, von dem man da draußen keine Ahnung mehr hat, und dass es etwas ist, was ich lange Zeit nur am Rande, aus dem Augenwinkel heraus, wahrgenommen hatte. Es war nicht sonderlich schwer, den Entschluss zu fassen, mich einmal für das Eigentliche am Glauben, für seine Inhalte und Geheimnisse zu interessieren – ….

Mir kam der Gedanke, dass zweifellos niemand Jesus länger und besser kennt als die Christenheit selbst. Die Gemeinschaft seiner Nachfolger hat ihn seit den Tagen der Apostel hinterfragt, ausprobiert, wieder hinterfragt, ausgeleuchtet und schließlich so getreu weitergegeben wie niemand sonst. Immerhin ist keine Lehre über so lange Zeit so hart getestet worden. …Die Prinzipien Jesu haben sich in der Praxis bewährt.

Mir schien plötzlich, aber vielleicht träumte ich auch, als hätten die Christen eine Reihe von Vorteilen für sich, die ich nie gesehen hatte. Sind sie nicht sinnlicher und zugleich übersinnlicher, weil sie am Unsichtbaren und an der Unendlichkeit teilzunehmen versuchen? Haben sie nicht den größeren Trost, weil sie wissen, dass ihnen die Sünden vergeben werden? Sie haben die Tradition, und zwar mit allem, was Menschen je erlebt, gelehrt, erfahren haben. Sie haben die Ehrfurcht, weil sie ein Teil der Heiligkeit sind. Sie haben heilige Worte, die ihnen Kraft geben. Sie können sich besser freuen, weil Gott ihnen alles geschenkt hat. Sie können besser entspannen, weil sie wissen, dass einem die Sorgen nicht weiterhelfen. Sie müssen nichts zu schwer nehmen, da sie den größten Teil des Lebens, das ewig ist, ja erst noch vor sich haben. Sie haben die Freiheit, weil sie sich als Wissende entscheiden können. Sie haben die große Tradition der Klöster und die Weisheit ihrer Mönche und Nonnen. Sie haben die genialsten Künstler, die schönsten Gotteshäuser. Sie haben sogar die Engel auf ihrer Seite. Sie haben die Brüderlichkeit, weil sie gleich sind und einander helfen müssen. Sie haben Seelsorger und weise Männer, die ihnen als Hirten voran gehen. Und sie haben die Frohe Botschaft, über die sie meditieren können.

Über den Besuch der Kirchen schrieb er: Es war verwegen, und ich hatte gemerkt, dass es mir gut tat.

Einfach dasitzen. Ruhig werden und schauen. Ich mochte sehr bald das Licht und die Farben. Die Bilder und Inschriften und Symbole an den Wänden, die auf große Zusammenhänge hinwiesen. Das wunderbare Großer-Go-hott-wir-lo-ho-ben-dich, die Lieder von Franz Schubert. Die Kirche bräuchte meinetwegen nichts anderes als die Werke der Barmherzigkeit und ihre göttliche Liturgie, keine Immobilien, keine Vereine, mir würde schon ihr eigentlicher Schatz vollauf genügen. …Aber sie versäumte es keinen einzigen Tag, in die Messe zu gehen. Die heiligste Handlung am heiligsten Ort der Welt, wie Guardini sagt. Sie hat nie darüber gesprochen. Heute glaube auch ich, dass ohne die Teilnahme an der eucharistischen Feier eine Annäherung an das Mysterium des Christentums überhaupt nicht möglich ist. Weil hier etwas wachsen kann. Wie eine Perle in der Muschel, die eine Schicht um die andere ansetzt und dabei immer wertvoller wird. Inzwischen genieße ich es, mir gelegentlich ein wenig Zeit für Gott zu nehmen, während andere Leute in ihr Büro hetzen.

Und es galt auch noch, was der heilige Augustinus ein für allemal als das Kriterium des Glaubens definierte hatte. Nach Christus ist danach der Mensch nicht das, was er denkt. Und er ist auch nicht das, was er isst oder anzieht. Der Mensch ist das, sagt Augustinus, was er liebt. Ich war ein Kirchgänger geworden, ohne es richtig bemerkt zu haben. Das war nicht unbedingt wie eine Droge, aber wer es einmal ausprobiert hat, wird zum Wiederholungstäter. …Schritt für Schritt begibt man sich in eine neue Geschichte, und alle Begegnungen, alle Zufälle, die vielen kleine Dinge am Rande, schreiben Satz für Satz an dieser Geschichte weiter. Da sind die Glocken von St. Anna, die einen so unerbittlich wachrütteln und rufen.

Ich will niemanden beleidigen, und ich habe Respekt vor anderen Überzeugungen. Nicht jeder gute Gedanke kommt aus dem Christentum, und nicht nur Christen haben eine humane Gesinnung. Aber was die Erscheinung von Kirchen anbetrifft, glaube ich, dass die katholische Kirche, wie es ihr Name zum Ausdruck bringt, noch immer die eine, allgemeine und gültige ist, die von Christus ursprünglich in Auftrag gegeben wurde, um die Botschaft Gottes in die ganze Welt zu tragen. Letztlich bin ich nirgendwo anders zurückgekehrt als in eine Kirche, von der ich mit absoluter Sicherheit weiß, dass sie niemals etwas anderes verkünden darf als die Botschaft Jesu selbst – auch wenn man sie stets daran erinnern muss….Wir sprechen hier nicht von den Ideen eines einzelnen Schamanen, sondern von einer Weltanschauung, die über Jahrhunderte erprobt und gelebt wurde und einmal den Kodex dieses Kontinents bestimmte.

Frömmigkeit ist nicht nur eine besondere Art des Denkens. Es geht hier gleichfalls um das Einüben einer Haltung, die unsere sinnliche Wahrnehmung erweitert. Was mich betrifft, so war ich sehr überrascht von den Möglichkeiten des Betens, der Meditation, oder zum Beispiel auch von der wohltuenden Wirkung einer eucharistischen Anbetung, die es vermag, Schmutz und Unrat und sogar Sorgen, die man im Kopf herumträgt, regelrecht wegzubrennen.

 

 

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